Lilien
Sayuri von Carina Bargmann
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Das Rauschen von Wasser

erfüllte ihre Ohren. Kühles Nass spritzte auf ihre Haut und wurde von einer weichen Hand weggewischt. Sanft streichelten Finger über ihre Wangen.

Sayuri wollte die Augen öffnen, aber es gelang ihr nicht. Immer noch war alles um sie herum finster. Vielleicht hatte sie die Augen bereits offen und sie war nur in einem Raum, in dem Finsternis herrschte? Sie wollte sich aufrichten, konnte aber nicht einmal eine Hand heben. Keine Nacht konnte so dunkel sein!

Wieder trafen Wassertropfen auf ihre Wangen. Das Rauschen schwoll an, wurde immer lauter. Sie hatte das Gefühl, dass sie sich bewegte. An welchem Ort war sie nur? Das Rauschen, die Tropfen erinnerten sie an einen Fluss, das Schaukeln ähnelte einem Boot bei starkem Wellengang. Oft genug war sie in der Stadt mit Marje auf dem Shanu gefahren. Sie hatte es geliebt, wenn der Wind das Wasser zum Schäumen brachte und Wellen gegen die flachen Boote schlugen, sodass feine Wassertröpfchen aufspritzten.

Aber sie konnten nicht in der Stadt sein. Die Erinnerungen entzogen sich ihr, sobald sie nach ihnen greifen wollte. Irgendetwas war passiert. Flüchtig blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf, aber sie konnte sie nicht festhalten. Marje, dachte sie und versuchte, sich an den Namen zu klammern. Ihre Freundin war bei ihr. Wieder streichelten die Finger sanft über ihre Wange. Marje.

Ihre Haut prickelte unter der Berührung und unter dem kühlen Wasser, das wieder auf ihre Stirn und den Nasenrücken spritzte. Sie hatte das Gefühl, die Tropfen sehen zu können, sie nicht nur zu spüren, sondern in ihre Gänze wahrzunehmen, ein wenig, als wären sie ein Teil von ihr. Abermals blitzten Bilder vor ihrem Auge auf, als würden die Erinnerungen langsam zurückkehren. Menschen, die vertrocknet in sich zusammenbrachen, nachdem sie ihnen alles Wasser entzogen hatte. Aber sie hatte Fehler gemacht. Sie hatte das Wasser nicht in Magie umgewandelt, nicht in sich aufgenommen, sondern nur den Körpern entzogen. Jetzt musste sie die Magie in sich aufnehmen. Vorsichtig tastete sie mit ihren Gedanken nach einem Wassertropfen, der genau zwischen ihren Augen auf ihrer Haut lag. Sie konnte ihn spüren, fühlte das Verlangen ihres Körpers nach seiner Energie.

Erst versuchte sie, ihn einfach in sich aufzunehmen, ihn in sich hineinzuziehen, aber es gelang ihr nicht. Ihre Haut trennte sie von dem Wasser, eine natürliche Barriere, die sie erst noch überwinden musste.

Sie erinnerte sich an die ersten Tage, in denen sie ihren Garten auf dem Dach angelegt hatte. Da war das Wasser einfach aus ihren Fingern gesprudelt, ohne dass sie darüber nachgedacht hatte, was sie tat. Jetzt versuchte sie, sich genau an das Gefühl dabei zu erinnern, es in sich wachzurufen und den Vorgang einfach zuzulassen.

Ein Funken von Kraft erwachte in ihr und kurz durchströmte ein Gefühl der Leichtigkeit sie, bevor er wieder verschwand und sie erschöpft zurückließ. Dafür konnte sie den Wassertropfen zwischen ihren Augen nicht mehr spüren. Er war verschwunden.

Sayuri spürte, wie Aufregung in ihr hochstieg. Sie brauchte mehr Wasser, mehr von den Tropfen! Wieder fiel das kühle Nass auf ihre Haut, blieb prickelnd dort liegen. Gierig sog sie die Kraft aus den Tropfen, ließ sie verschwinden, formte sie in reine Magie um, die ihre Haut durchdringen konnte. Das Gefühl von Schwere wich aus ihren Gliedern.

Nun konnte sie eine Hand heben, tastete vorsichtig um sich, spürte feuchten Stoff, in den sie gewickelt war. Freude breitete sich in ihr aus. Voller Begeisterung suchte sie nach mehr Wasser, das sie in sich aufnehmen konnte, aber ihre Haut war trocken. Die Decke, all die Feuchtigkeit, die zwischen den Fäden hing! In ihrem Inneren entstand ein Bild von der Decke und ihrem Körper. Sie konnte das Wasser wahrnehmen, streckte sich noch mehr, durchbrach die Wand des Bootes und griff nach dem Fluss. Die Berührung, die nicht einmal wirklich eine Berührung war, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. So unendlich viel Wasser!

Das Wasser um sie herum wandelte sich und reine Magie durchströmte ihren Körper. Es war ein wunderbares, leichtes Gefühl!

Blinzelnd schlug sie die Augen auf und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als Shios warmes Licht sie einhüllte. Sie waren nicht in absoluter Dunkelheit gefangen, auch wenn es um sie herum finster war.
»Sayuri!«
Marjes Ruf ließ Sayuri aufsehen. Ihr Kopf lag im Schoß ihrer Freundin, die sich an einem Bootsrand festklammerte. Erst jetzt spürte sie, wie ihr Gefährt von dem Wasser um sie herum mit sich gerissen wurde. Sie waren nicht mehr als ein Spielball der Wellen.

Plötzlich gab es einen heftigen Stoß und das Boot legte sich auf die Seite. Marje schrie auf. Sayuri reagierte, ohne nachzudenken. Mit einer Handbewegung zog sie Wasser gegen die Planken und richtete das Boot wieder auf. Kiyoshi saß keuchend zu ihren Füßen. Er hielt ein Paddel in den Händen, doch in seinem durchnässten, erschöpften Gesicht lag tiefe Hoffnungslosigkeit.

Marjes Stimme ließ sie herumfahren. Die schwarzen Locken klebten nass an ihrem Kopf und ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen. »Du musst das Boot aufhalten «, rief sie gegen den Lärm des Wassers an. Ihre Hand hatte Sayuris umfasst, ohne dass das Mädchen es gemerkt hatte. »Sayuri, bitte hilf uns!«

Marjes Hand hob sich dunkel von ihrer weißen Haut ab. Sayuri spürte das Wasser und sog die Magie heraus. Doch Marjes Körper war eine Barriere, Sayuri drang nicht zum Wasser durch. Wieder glitt ihr Blick auf den reißenden Strom. Vorsichtig, fast zögernd streckte sie eine Hand aus.

»Sayuri, du musst …« Kurz sah sie zu Kiyoshi auf, der mit zusammengebissenen Zähnen gegen den Fluss kämpfte. Das Boot tanzte wie ein Ball auf den Wellen, wurde von ihnen hin und her geschleudert. Mit einem Krachen schlug es gegen eine Felswand. Das Geräusch hallte in dem Tunnel wider. Erst jetzt begriff sie die Worte, die Marje ihr zurief. Und diesmal tauchte sie ihre Hand ins Wasser und ballte sich zur Faust.

Das Boot blieb stehen. Der Fluss wurde nicht ruhiger, aber es war, als könnte er das Boot plötzlich nicht mehr bewegen. Die Nussschale, die von den Wellen hin und her geschleudert wurde, war zu einem Fels in der Brandung geworden. Ein tiefer Seufzer entrang sich Marje und Sayuri spürte die nassen Arme ihrer Freundin, die sie umfingen. Kiyoshi legte vorsichtig das Paddel vor sich ins Boot. Mit einer Hand strich er sich die nassen Haare aus der Stirn. Sein Atem ging stoßweise. »Das wurde auch höchste Zeit«, sagte er mit einem Anflug eines Lächelns. »Ich dachte schon, du lässt uns hier ertrinken.«
Stumm schüttelte Sayuri den Kopf und setzte sich gänzlich auf. Die Decken rutschten von ihren Schultern und sie streckte sich. Sie fühlte sich, als hätte sie sehr lange geschlafen. Genussvoll dehnte sie ihre Glieder und spürte, wie Leben in sie kam.

»Ach, Sayuri!« Das schmale Boot hinderte Marje an einer richtigen Umarmung, aber sie hielt Sayuri fest an sich gedrückt, das Gesicht an ihrer Schulter vergraben. »Ich hatte solche Angst um dich«, flüsterte sie leise. Vorsichtig hob Sayuri eine Hand, strich ihr zärtlich über die nassen Haare, deren Feuchtigkeit sie verwandelte. Dann hob sie neugierig den Blick, sah zur Decke und den unebenen Wänden. »Wo sind wir?«, formte sie Worte aus der Magie um sie herum und brachte sie leicht vibrierend zum Klingen.

Shio flog zu ihr hinab. Sein helles Licht blendete sie, sodass sie die Augen schließen musste. Seine Wärme war angenehm auf der Haut, auch wenn sie nicht das Gefühl hatte zu frieren. Mit geschlossenen Augen genoss sie sein Licht, das durch ihre Lider schimmerte, und sein aufgeregtes Summen. So schnell wie er sprach, konnte sie ihm kaum folgen, und schließlich schüttelte sie lachend den Kopf.
»Wir sind auf dem Weg in die Stadt«, antwortete Marje und ihre Stimme bebte vor Aufregung. Sayuri hielt inne. Stumm wiederholte sie für sich, was Marje laut gesagt hatte, dann erst drehte sie sich zu ihr um.

»Wir müssen den Wasserfall beim Schlund, der die Welt verschlingt, erreichen. Von dort aus können wir zurück in die Stadt. Den gleichen Weg hat Milan genommen, nur in umgekehrte Richtung. Es ist der Shanu, auf dem wir unterwegs sind«, erzählte Marje atemlos vor Begeisterung. »Wie fühlst du dich? Geht es dir gut?«
Sayuri nickte.
»Der Shanu?«, wiederholte sie ungläubig und hob den Blick, als könnte sie über der felsigen Tunneldecke schon die Häuser der Stadt aufregen sehen. Shio schwirrte unruhig um sie herum.
»Der Wasserfall ist der einzige Weg in die Stadt. Doch wir wissen nicht, wie weit es noch ist.« Kiyoshi griff nach dem Paddel. Sayuri schüttelte entschieden den Kopf, nahm ihm lächelnd das Paddel aus der Hand und legte es auf den Boden des Bootes zurück. Es war ein Leichtes, das Boot gegen den Strom zu wenden und flussaufwärts schwimmen zu lassen. Sie schloss die Augen und überließ sich gänzlich diesem Gefühl, dass das Boot fast auf einer Welle aus Magie schwebte. Sie sah nur den Fluss und das Boot. Wellen glätteten sich vor ihnen und Schaum verlor sich in der spiegelglatten Oberfläche des Wassers. Sie schob die Strömung in die Tiefe und hielt das Wasser in der Höhe an, sodass es keinen Widerstand mehr bot.
Das Boot setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann immer schneller, atemberaubend schnell. Marje klammerte sich an den Bootsrand, ihre wilden Locken flogen. Sayuri schloss die Augen und gab sich ganz dem Gefühl hin. Es war wie der Flug auf dem Greifen. So schwebten sie dahin, endlos, zeitlos – eine Reise wie ein Traum.
Erst als sie das Wasser spürte, das aus der Höhe hinabfiel und bis ins Boot spritzte, schlug Sayuri die Augen wieder auf und blickte zuerst in Kiyoshis fassungslose Miene.
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie Tshanils warme Sonnenstrahlen spürte. Sayuri hob den Blick.
Gut dreißig Schritt über ihnen brach das Wasser über den Rand des Schlunds, begleitet von den Sonnenstrahlen, die einen ovalen Flecken auf den unterirdischen Fluss malten. Das letzte Mal hatte sie diesen Wasserfall gesehen, als er Milan mit sich in die Tiefe riss.
Milan . . . und Ruan . . .
Suchend sah sie sich um, als könnte der Freund hier unten auf sie gewartet haben. Der Gedanke, dass er in dem Wasser, das sie so liebte, den Tod gefunden hatte, war ihr unerträglich.
Liebevoll strich Marje über ihren blassen Arm. »Wir haben es geschafft«, flüsterte sie leise, die Stimme so mit Glück erfüllt, dass Sayuri alle düsteren Gedanken vergaß.
»Du hast es geschafft.«

Sie hatten es wirklich geschafft. Auch wenn Sayuri nur vage wusste, wie sie hierhergekommen waren und vor allem, warum. Ihr Gedächtnis war noch immer nicht vollständig zurückgekehrt. Sie hörte die Worte des Alten, doch sie konnte ihre Bedeutung nicht einordnen. Sie sah sich auf dem Greif durch den Nachthimmel fliegen, schließlich spürte sie die Energie, die aus den Soldaten in der Wüste geflossen war, während sie ihnen das Wasser entzogen hatte. Die Erinnerungen ließ sie erschaudern.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte Marje sich besorgt, während ihr Blick abermals nach oben glitt und dann unruhig über die Wasseroberfläche schwenkte.

Eine Weile herrschte Schweigen. Sayuri fiel auf, wie auch Kiyoshi den Fluss beobachtete. »Wenn ich das richtig sehe, ist der Wasserstand noch immer der gleiche«, sagte er schließlich.
Marje nickte zufrieden. »Es verändert sich nichts.« Sayuri hielt eine Hand ins Wasser. Warum sollte sich auch etwas verändern? Das kühle Nass umspielte ihre bleiche Haut und gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Wie sehr ihr der Shanu gefehlt hatte, merkte sie jetzt erst.
Ein Sirren ließ sie aufblicken. Shio flog am Wasserfall hinauf, erreichte schließlich den Rand des Schlunds und verschmolz mit Tshanils hellem Licht.
Sehnsüchtig starrte Sayuri ihm nach.
»Jetzt heißt es warten«, meinte Kiyoshi. Fragend legte Sayuri den Kopf schief und Marje erklärte ihr den Plan, den sie zusammen mit den Zentauren ersonnen hatten. »Die Zentauren werden versuchen, in die Stadt einzudringen. Sie werden uns aus dem Schlund bergen. Wir müssen uns nur gedulden.«
»Was verdammt lange dauern könnte«, knurrte Kiyoshi.
»Auch wenn die Zentauren früher aufgebrochen sind als wir – es ist mehr als eine Tagesreise bis zur Stadt.« Er warf einen Blick auf Sayuri. »Und wir . . . wir können nur wenige Stunden unterwegs gewesen sein.« Er grinste kurz. »Nicht, dass ich mich beschweren will.«
Sayuri lachte hell auf. Kiyoshi sah aber auch zu komisch aus, wie er so ungeduldig das Gesicht verzogen hatte. Wie von selbst hob sich ihre Hand. Der rauschende Wasserfall teilte sich vor ihr. Konzentriert sammelte sie ihre Kraft unter dem Boot und ließ das Wasser nach oben strömen.

Sie hörte Kiyoshis überraschten Aufschrei, als sich das Boot ein Stück weit erhob. Aber noch reichte es nicht. Zwar waren sie der Sonne ein ganzes Stück näher gekommen, aber noch längst nicht genug. Sayuris Hände ballten sich zu Fäusten. Das Wasser stieg weiter, füllte die gesamte unterirdische Grotte aus und drückte sie durch den Schlund nach oben. Höher und höher, weiter und immer weiter, bis die Schatten der Wände zurückwichen und die Sonne ihnen ungehindert ins Gesicht fiel.

Sayuri sah sich um. Der Schlund war zu einem friedlichen See geworden. Sie lächelte zufrieden und lehnte sich zurück. Kiyoshi erholte sich noch eher als Marje von dem Schreck und griff nach dem Ruder. In wenigen Augenblicken hatten sie das feste Ufer erreicht. Gleich darauf zogen Kiyoshi und Marje ihr Boot auf das Trockene, während Sayuri das Wasser zurückgleiten ließ. Mit einem sanften Plätschern wichen die Wellen zurück, sanken tiefer und tiefer. Die Wände der Schlucht tauchten wieder auf und wenig später donnerte der Wasserfall in den abgrundtiefen Schlund, als wäre nichts geschehen. Ungeduldig befreite Sayuri sich aus den Decken und stand auf. Tief atmete sie die Stadtluft ein, die so ganz anders roch als die Luft in der Wüste. Shio flog voller Angst auf sie zu und drängte sie, sich zu verstecken. Sie spürte, wie Marje nach ihrer Hand griff und sie aus dem Boot und mit sich zog, vorbei an den Menschen, die an den Ufern des Platzes zusammengelaufen waren und den kleinen Trupp in fassungslosem Schweigen anstarrten. Kiyoshi folgte ihnen auf dem Fuß.

Voller Freude nahm Sayuri die ganze Stadt in sich auf. Es kam ihr vor, als wäre sie eine Ewigkeit fort gewesen. Mit zitternden Fingern strich sie über die Sandsteinwände der Häuser und berührte den dunkelroten Stoff eines zum Trocknen aufgehängten Tuches. Und wieder und wieder fiel ihr Blick auf den Fluss, der in Tshanils Licht
glitzerte. Der Shanu. Sie war zu ihm heimgekehrt.